Robert Sommer über seine Frühstücks-Gewohnheiten

Robert Sommer über seine Frühstücks-Gewohnheiten

18. Jul 2018

Nach seinem ersten Erfolg "Im Irrenhaus – Plötzlich daheim" ist bereits im Juni das zweite satirische Werk von Robert Sommer erschienen. "Promille-Doktor" ist eine Sammlung humorvoller Kurzgeschichten, in denen sich diesmal alles um unsere Heimat Österreich dreht.

 

Robert Sommer bekennt sich selbst als Semmel-Junkie – und hat passend zu diesem Eingeständnis – eine Satire verfasst, die wir Ihnen nicht vorenthalten wollen:

 

 

Ich bin ein Semmel-Junkie

Die gesellschaftliche Korrektheit, auf die wir alle eingeschworen werden, hat auch mich erfasst: Mein Lieblings-Frühstück kommt einem Meineid auf die Republik gleich. „Das ist ein Verbrechen an deinem Körper!“, schüttelte ein Freund aus alten Schultagen entsetzt den Kopf, als wir ausnahmsweise um 9 Uhr in einem Kaffeehaus saßen. „Dass du noch lebst?!“

 

Man muss dazu sagen: Normalerweise treffen wir uns eher, wenn die Sonne schon untergegangen ist – und unsere hochprozentigen Begleiter in den Morgengrauen hat er noch nie ernsthaft kritisiert. Aber als Heinz, so heißt der Gesundheitsapostel mit seinen höllisch hohen Cholesterinwerten, meine Bestellung erblickte, wurde er vor Entsetzen blass im Gesicht: „Weißt du nicht, wie schädlich das ist?“

 

Meine Schuld ist längst erwiesen: Ich liebe Semmeln. Vor allem die reschen und knackigen. Bei längeren Auslands-Aufenthalten träume ich sogar davon: etwa, wenn ich im Land der begrenzten Brot-Möglichkeiten Amerika ins weiße Nichts der komprimierten Breakfast-Bröseln beiße. Ich bin physisch und psychisch abhängig von diesem Ton, das melodische Knuspern löst bei mir einen Rausch der Sinne aus. Mein Dealer ist der Bäcker.

 

Ich fühle mich dabei nicht als gewöhnlicher Freizeit-Junkie, sondern als echter Frühstücks-Hardcore-Süchtiger: Wenn mir ein Ober, der meine Gewohnheiten nicht kennt, geräuschloses Vollkorn-Gebäck anbietet, stellt sich mein Körper sofort auf einen Entzug ein. „Ich will, verdammt noch einmal, meine Semmeln!“, beginne ich im Lokal zu schreien. Aber nicht nur die: Mit sichtbarem Genuss verteile ich ein ganzes Kontingent von Butterbeständen auf die runden Dinger des Glücks, mit dem man die komplette russische Armee für einen Tag ernähren könnte. Darauf folgt eine Explosion an Gaumenfreuden. Der Tag kann beginnen.

 

Aber nicht so an diesem Morgen mit Heinz. „Waaas“, fauchte er mich an, „ist dir nicht klar, wieviel zerstörerisches Fett du in dich hineinstopfst? Willst du vielleicht auch noch ein weiches Ei dazu? Dann spring gleich eine Brücke vom Donaukanal hinunter!“ Worauf ein längerer Vortrag über das wahre Übel auf Erden folgte, also das weiße Mehl, das sich hinterlistig in meinem Lieblings-Nahrungsmittel verstecken würde: „Es ist kaum zu verdauen, liegt ewig im Magen, ist schlecht fürs Herz und den Blutzucker – es verursacht Stress! Übrigens: Forscher haben vor kurzem eine Mumie in Kairo untersucht und bei ihr Ablagerungen in den Blutgefäßen entdeckt, die bekanntlich zu allen möglichen Krankheiten führen können. Im Radio haben sie gesagt, dass das eindeutig auf den Genuss zu vieler Semmeln zurückzuführen wäre.“ Daraufhin verschluckte ich mich – was aber, ehrlich gesagt, auch am Butterkloß in meiner Luftröhre hätte liegen können.

 

Weil sich mein Freund das alles nicht mehr ansehen konnte und außerdem zu einem wichtigen beruflichen Termin hetzen musste, ging er früher als erwartet. Mit schwerem Atem rief mir der leicht Übergewichtige noch von der Eingangstür zu: „Vergiss nicht, heute um 19 Uhr kommen alle unsere Kumpels in meine Wohnung. Nimm, bitte, zwei Flaschen Schnaps mit: Die werden wir nach dem gebackenen Emmentaler und dem vielen Bier sicher brauchen!“

 

Endlich allein, bestellte ich noch gemütlich eine zweite Semmel. Ich wusste nicht, warum, aber das Knuspern hörte sich an diesem Morgen besonders stimmungsvoll an, und sie schmeckte mir noch besser als sonst. Schließlich bin ich kein Ägypter, und mein Gewissen ist rein. Wie das weiße Mehl. Mahlzeit!

 

 

Auf der Website von Robert Sommer finden Sie nähere Informationen zu seiner Person sowie seiner neuesten Veröffentlichung.